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Gelassen durch den dicksten Verkehr
Auf Tour mit Stadtwerke-Busfahrer Waldemar Steinke
(16.7.2010) Waldemar Steinke schaut auf den Dienstplan, obwohl er den schon auswendig kennt. Aber sicher ist sicher. Um 11.56 Uhr soll er am Busterminal am Rüsselsheimer Bahnhof sein, um seinen Kollegen Waldemar Maier abzulösen. Der 49 Jahre alte Busfahrer der Stadtwerke steigt in einen weißen Kleintransporter, mit dem er vom Betriebsgelände zum Übernahmeort fahren soll, und dreht den Zündschlüssel herum. Der Motor stottert - und verstummt. Steinke bleibt ruhig. Ein Wesenszug, der in den folgenden Stunden noch einige Male von Vorteil sein wird. Bei der nächsten Schlüsseldrehung klappt's mit dem Motor.
Übergabe
Als Steinke am Busbahnhof ankommt, steht auf der elektronischen Anzeigetafel unterm Terminaldach schon, wohin ihn seine Tour führt: Linie 41 nach Königstädten, Abfahrt in 22 Minuten. Kurz darauf rollt der von Maier gesteuerte Gelenkbus auf die Halteposition. Die Türen gleiten beiseite, Steinke steigt ein und fragt seinen Kollegen: „Ist alles in Ordnung?" Der Mann hinterm Lenkrad nickt: „Keine besonderen Vorkommnisse."
Bordcomputer
Steinke setzt sich auf den Fahrersitz und gibt Daten in den Bordcomputer ein, darunter die Tachonummer, die Nummer der Buslinie und die Kursnummer. Dann geht er durch den Wagen, um sich den Zustand des Innenraums anzuschauen. Früher habe er immer wieder aufgeschlitzte Sitze und Schmierereien an den Wänden entdeckt, erzählt er. Aber seit Überwachungskameras in den Bussen installiert sind, komme es kaum noch zu solchen Schäden.
Fahrzeug-Check
Hätte Steinke die Frühschicht gehabt, hätte er obendrein überprüfen müssen, ob das Fahrzeug technisch in Ordnung ist. Er hätte unter anderem einen Blick in den Motorraum geworfen, hätte den Zustand der Reifen und den Luftdruck, die Funktionstüchtigkeit von Vorder- und Rückleuchten sowie der Blinkanlage überprüft.
Zeitdruck
Der Neunundvierzigjährige fährt los. Pünktlich um 12.23 Uhr. Doch kaum ist der Busbahnhof außer Sichtweite, sorgt ein rückwärts vom Bürgersteig in den fließenden Verkehr einfädelndes Auto für einen Rückstau. „Und schon haben wir Verspätung", sagt Steinke mit einem Gesichtsausdruck zwischen Ohnmacht und Gelassenheit. Er lächelt. Es würde ohnehin nichts nützen, sich über die Verzögerung aufzuregen - er kann sie weder verhindern noch verringern.
Schulfrei
12.27 Uhr: Der Bus erreicht den Marktplatz. Einige Fahrgäste steigen zu, ohne dass der Geräuschpegel aus Stimmengewirr anschwellen würde. Es ist immer noch ruhig. Und das bleibt auch so, obwohl die Linie 41 an vier Schulen vorbei kommt. Wäre heute nicht schulfrei, müsste sich Waldemar Steinke auf einen Bus voller Kinder und Jugendlicher einstellen, die für dichtes Gedränge und vor allem für Lärm sorgen.
Nervenstark
Solche Dauerbeschallung, erklärt er, belaste die Nerven jedes Fahrers, den Einen mehr, den Anderen weniger. Steinke versucht die innerliche Abschottung vom Trubel. Da er sich aber nicht nur auf den Straßenverkehr konzentrieren, sondern auch die Kundschaft hinter ihm im Blick behalten muss, gelingt diese Abkopplung nicht völlig.
Freundlich sein
Manchmal besteigen genervte Fahrgäste den Bus. Ihren Ärger, etwa über eine Verspätung, bekommt dann der Fahrer ab. „Dennoch muss ich immer freundlich sein", sagt Steinke. Manchmal müsse er sogar bei Streitereien schlichten. Im Notfall kann der Busfahrer über Funk den Verkehrsmeister in der Zentrale alarmieren, der, wenn es sein muss, die Polizei alarmiert.
Ärger abschütteln
An einem solchen Arbeitstag stauen sich Aggressionen bei ihm auf, lässt der Neunundvierzigjährige durchblicken. Wenn er dann nach Hause komme, müsse er sich erst mal beruhigen. Den Ärger abschütteln. Sich auf andere Gedanken bringen, „denn am nächsten Tag muss ich wieder zur Arbeit." Und doch begreift Waldemar Steinke diesen Beruf als wichtigen Teil seines Lebens. Seinen „Lieblingsjob" macht Waldemar Steinke seit 1996 für die Stadtwerke. Könne er nicht Bus fahren, fehle ihm etwas.
Zugeparkt
Der Bus hält am Friedensplatz. Mittlerweile zweieinhalb Minuten ist Steinke in Verzug. An der Haltestelle Moselstraße deutet er auf die andere Straßenseite. Die dortige Busparkbucht „ist heute Abend garantiert zugeparkt", sagt er. „Da ist immer Stress." Besondere Aufmerksamkeit ist auch in mancher engen Straße in Königstädten gefordert. Besonders an der Stelle, wo die Nauheimer Straße in einer scharfen Linkskurve in die Astheimer Straße übergeht. Käme ihm an dieser unübersichtlichen Engstelle ein Bus entgegen, müsste einer der beiden Wagen halten, möglicherweise sogar einige Meter zurückfahren. Damit es zu einer solchen Situation gar nicht erst kommt, wäre ein Verkehrsspiegel sinnvoll, findet Steinke.
Verspätung
Waldemar Steinke ist zurück am Bahnhof. Er fährt in die Parkposition, programmiert schnell den Bordcomputer um, da der Bus auf der nächsten Tour nicht mehr als Linie 41, sondern als Linie 52 unterwegs ist. Die Türen sind offen, ein junger Mann steckt den Kopf herein. „Fahren Sie schon los?" fragt er. „Ich muss los", antwortet Steinke ebenso freundlich wie energisch ob der Tatsache, dass die Verspätung auf eine Viertelstunde angewachsen ist: „Ich müsste schon längst losgefahren sein."
Respekt vom Sohn
Das tut der Neunundvierzigjährige denn auch, nach dem der Fahrgast eingestiegen ist, gezahlt und sich gesetzt hat. Ein ruhiger Arbeitstag geht weiter. Kein Vergleich zu den wirklich hektischen, ja aufregenden Momenten seines Berufslebens. Einmal hatte Steinke seinen Sohn auf eine solche Stresstour mitgenommen, weil sich der damalige Schüler in den Kopf gesetzt hatte, ebenfalls Busfahrer zu werden. Nach dem eindrucksvollen Erlebnis war sein Respekt vorm Vater, der selbst in einer Umgebung voller Hektik und Lärm immer die Ruhe behalten hatte, noch ein bisschen größer. Aber ihm nacheifern mochte Steinke junior fortan nicht mehr. Heute arbeitet er als Maschinenführer.